Einige Gedanken zu "demokratischen Schulen"

(Übersetzung: Sabine Günther)

-> Orginaltext (Englisch)

I

Der Begriff “demokratische Schule” erschien mir schon immer etwas problematisch. Problematisch deshalb, weil es nicht in erster Linie die Demokratie ist, um die es geht. Demokratie ist ein Mittel um etwas anderes zu schaffen: nämlich eine Gemeinschaft, wo freies Lernen möglich ist, soweit eine solche Gemeinschaft möglich ist. Zwar sollte jede demokratische Schule mittels einer Demokratie geführt werden, aber nicht jede Schule, die demokratisch geführt wird, ist automatisch eine demokratische Schule.

Eine demokratische Schule ist ein Ort, wo die Schüler selbst dafür verantwortlich sind wie sie ihre Zeit verwenden. Es ist eine Schule, die nicht versucht ihre Schüler explizit oder implizit zu ermutigen den Unterricht zu besuchen und Prüfungen zu absolvieren. Es ist ein Ort, wo Menschen mit Respekt behandelt werden und wo sie wissen, dass sie ein gerechtes Verfahren erwarten können, wenn jemand die Gemeinschaft oder einen Einzelnen nicht respektiert.

II

Einige Arten von Demokratie sind ausgezeichnete Mittel um Freiheit und Respekt zu bewahren. Allerdings kann es auch schnell in die falsche Richtung gehen. Sudbury-Schulen sind deshalb sehr darauf bedacht, dass es immer in die richtige Richtung geht. Diese Schulen errichten eindeutig definierte Demokratien. Denn eine Demokratie ist nur solange gut wie sie nicht zu weit eingreift — sie soll die gegenwärtige Freiheit der Schüler schützen ohne sich anzumaßen zu wissen, welche Entscheidungen besser für die Zukunft der Schüler sind, oder sich in ihre Privatsphäre einzumischen.

III

Das Wort “Republik” stammt übrigens von dem lateinischen Begriff res publica, der soviel bedeutet wie “öffentliches Anliegen”. Dahinter steckt ein sehr wichtiger Punkt: das Gemeinwesen (der Staat, die Stadt, die Schule) ist öffentlich und somit vom Privaten zu trennen.

Sudbury-Schulen haben ein Justizkommitee, das darauf achtet, ob Schulgesetze verletzt wurden (und nicht darauf, warum sie verletzt wurden oder was den Einzelnen dazu bewogen hat). Einige aus der Bewegung der Freien Schulen äußern sich besorgt über diesen scheinbar so strengen Ansatz. Jedoch wird jeder, der einige Zeit in solch einer Schule verbracht hat, wissen, dass es eine gute Sache ist. Das Justizkommitee beschäftigt sich mit dem öffentlichen Aspekt von Konflikten — der Nichtachtung einer Entscheidungen der Gemeinschaft, die schwerwiegend genug war, dass jemand eine Beschwerde eingereicht hat. Dieses Verfahren ignoriert vollständig und aus gutem Grund persönliche Aspekte.

Es eröffnet hingegen Raum für jeden Einzelnen persönliche Angelegenheiten auf einer persönlichen Ebene zu klären, wo sie auch besser geregelt werden können (etwa Probleme zu Hause oder Probleme, die jemand mit der Schule oder mit den Leuten dort hat). Das Justizkommitee behandelt vielleicht nicht direkt die Probleme, die dazu geführt haben, dass die Regeln der Gemeinschaft gebrochen wurden, aber es hilft anderen diese Probleme zu sehen, was es wiederum ermöglicht sie zu lösen. Auf der anderen Seite respektiert das Justizkommitee die Privatsphäre jedes Einzelnen — manchmal hat man einfach keine Lust jedem zu erzählen, wie es einem geht.

IV

Es gibt noch weitere Vorteile Öffentliches von Privatem zu trennen. Wenn eine Gemeinschaft sich diese Trennung zu ihrer Gewohnheit gemacht hat, gelingen demokratische Versammlungen besser –vom Vorsitz verwarnt zu werden ist eine formale Sache und keine persönliche, über die man sich ärgern könnte. Man kann eindringlich gegen einen Antrag von einem Freund argumentieren, ohne dass der das als persönlichen Angriff interpretieren müsste. Nicht zuletzt kann jedes Mitglied der Gemeinschft seine Ansichten so weit in den Prozess mit einbringen wie es möchte, ohne sich darum sorgen zu müssen, dass diese falsch ausgelegt werden.

V

Wenn eine Demokratie die Interessen der Gemeinschaft und des Einzelnen schützt, diese dabei aber auseinanderhält, dann kann diese Demokratie Grundstein einer demokratischen Schule sein. Sie kann einen Ort schaffen, an dem sich die Schüler frei entwickeln können, an dem sie lernen können ihr eigenes Lernen zu lenken und ihren Erfolg zu beurteilen. Sie befähigt die Schüler ihre eigene Richtung einzuschlagen und sich lebhaft in die Gesellschaft einzubringen.

Keines dieser Dinge geschieht automatisch und sie zu schützen ist die Hälfte des Erfolgsgeheimnisses der demokratischen Schulen, die erfolgreich bestehen.

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