Was der Deutsche nicht kennt / Ignorance and bris

This is a post I wrote in German about the recent German court ruling equating ritual circumcision to bodily harm, thus making it illegal. That decision has been followed by similar decisions in Austria and Switzerland. An English translation of the post can be found below.

Das deutsche Gerichtsurteil gegen Beschneidung hat mich schockiert und ich finde es falsch, obwohl ich finde, dass Beschneidung tatsächlich eine Art der Körperverletzung ist.1 Das Urteil ist ein Fall von religiöser Unterdrückung, was jedoch vielen Menschen in Mitteleuropa offensichtlich nicht klar ist – sogar die Österreicher und Schweizer haben sich dieser Entscheidung angeschlossen.

Um es vorweg zu nehmen: Obwohl ich dieses Thema schwierig finde, bin ich grundsätzlich der Meinung, dass alle kulturellen Praktiken, die die Verletzung von Babys beinhalten, fragwürdig bis absolut widerlich sind. Schon in meiner Kindheit, als skeptischer Junge in einer jüdischen Umgebung, habe ich insbesondere die Beschneidung etwas widerlich gefunden. Ich wünsche mir, dass Beschneidung und alles ähnliche von der Welt verschwinden würde. Ich bin auch dankbar dafür, dass das Thema aufgrund des Urteils jetzt diskutiert wird, auch in Israel.2

Allerdings zeigt für mich das Urteil und dessen Unterstützung ein grundsätzliches Fehlverständnis der Bedeutung von Beschneidung im Judentum.3

Beschneidung, so krass sie als Praxis sein mag, gilt im Judentum schon seit Jahrtausenden als wichtiges, für Jungen sogar als das wichtigste Zugehörigkeitskriterium. Natürlich bedeutet diese Tatsache allein nicht, dass die Praxis gut oder schlecht ist. Eine Beschneidung ist tatsächlich eine ziemlich bescheuerte Art und Weise, sich von anderen Gruppen zu unterscheiden. Ich finde aber, dass man es bei Religionen wirklich nicht anders erwarten kann. Was erst einmal wichtig ist, ist die Bedeutung dieser Praxis, für die von dem Urteil betroffenen Menschen.

Egal wie wir es bewerten, man muss einfach wissen, dass die Entscheidung, einen neugeborenen Jungen nicht zu beschneiden gleichzeitig bedeutet ihn aus der Gemeinschaft, aus der man selbst kommt, zu entfernen. Ein Junge aus einer jüdischen Familie, der nicht beschnitten ist, wird vermutlich nicht nach jüdischem Recht eine jüdische Frau heiraten dürfen, sollte er sich das wünschen.4

Das ist alles ziemlich scheiße, weil für uns, die wir einen jüdischen Hintergrund haben, dann die Wahl, es dem Kind ganz selbst zu überlassen, nicht vorhanden ist: wir legen für ihn fest, ob er ein potenzieller Jude ist oder nicht.

Ich wünsche mir, das wäre alles nicht so, aber es ist so. Fakt ist, dass, wenn es mir auch nur ein bisschen wichtig wäre, mein Leben nach jüdischer Tradition zu führen, nach diesem Urteil Deutschland als Wohnort einfach nicht mehr in Frage käme. Selbst ich, so absolut sekulär wie ich bin, mache mir jetzt angesichts des wiederbelebten Gestanks der Intoleranz erneut Gedanken zum Thema. Und das, noch bevor wir über Geschichte geredet haben.

Denn im Judentum selbst ist das ein schwieriges, historisch beladenes Thema. Schon seit über zweitausend Jahren kommt immer mal wieder ein Herrscher, der den Juden die Beschneidung verbieten will. Weil die sturen Juden immer wieder auf ihre Religion beharren, wurden sie früher auch immer wieder ermordert. Damit will ich nicht andeuten, dass Deutschland auf diesem Hintergrund wieder Juden schlachten will – das glaube ich nicht – der Punkt ist, dass dieses Gerichtsurteil im, der Geschichte sehr bewussten, jüdischen Bewusstsein, alte Wunden aufreißt.

Dazu muss man sagen, dass unter vielen Juden, Versuche, Juden von ihrer Religion abzubringen oder insbesondere sie dazu zu bringen, ihre Kinder nicht entsprechend der Religion zu erziehen, mit Genozidversuchen gleichgesetzt werden. Ich finde diese Gleichsetzung stark übertrieben, kann sie aber nicht ändern, und ich kann sie gewissermaßen auch verstehen. Denn dieses Urteil ist nicht das erste mal, wo Juden gesagt wird, die dürfen gerne wo leben, so lange sie ihre religiöse Identität abgeben.

Der Wunsch, Beschneidung nicht mehr in der Welt, oder zumindest im eigenen Land, zu haben, ist ein berechtigter. Dieses Urteil wird aber meiner Meinung nach bei den meisten Juden zwei Arten Reaktionen auslösen: entweder woanders zu leben, oder hier zu bleiben und aus Trotz weiterhin Beschneidung zu betreiben. Die jüdische Kultur hätte nicht so lange überlebt, hätte sie nicht den Reflex entwickelt, das Überleben als solches allen Vorschriften der Herrscher als überlegen zu betrachten. Selbst einige Juden, die sich zuvor vorstellen konnten, die Beschneidung sein zu lassen, werden nun darauf bestehen. Wer das nicht versteht, kennt offensichtlich weder Juden noch das Judentum.

Die inhaltliche Bedeutung einer Aussage ist oft eine andere, als die Bedeutung der Aussage selbst, in ihrem Zusammenhang. Das Urteil, Beschneidung mit Körperverletzung gleichzusetzen, ist inhaltlich richtig, durfte aber trotzdem nicht gemacht werden, denn es bedeutet schlicht und einfach, dass Juden und Moslems nicht mehr in Deutschland willkommen sind – solange sie drauf bestehen, weiterhin Juden bzw. Moslems zu sein.

Dieser Post wurde von Sabine Günther korrigiert, wofür ich mich herzlich bedanke.

Kommentare, in Englisch oder in Deutsch, sind unten herzlich willkommen, insbesondere anderer Meinung. Kommentare, die ich subjektiv als rassistisch empfinde, werden nicht veröffentlicht – ich bitte die Verfasser dieser Kommentare, ihren Rassismus woanders zu äußern und mir (per Mail) einen Link zu geben.

 

[Englische Übersetzung beginnt / English translation begins]

Ignorance and bris

The German court ruling against ritual circumcision – outlawing it as a form of unnecessary bodily harm – shocked me. I think it’s the wrong decision, although I actually do think ritual circumcision is a form of unnecessary bodily harm.5 The ruling is a case of religious oppression, but this is apparently not clear to many people in Central Europe.

Before I even start, I should make something clear: although this is a very difficult issue for me, I do basically believe that any cultural practice which includes harming babies is at best questionable, usually repugnant. In my childhood, as a skeptical boy in a Jewish environment, I was already disturbed by circumcision. I wish circumcision and everything like it would cease to exist in this world, and I’m thankful for the court ruling insofar as it’s instigated discussion about this, even in Israel.6

Nonetheless, the ruling reveals a fundamental lack of understand of the meaning of circumcision in Judaism.7

Jewish circumcision – crass a practice as it may be – has, for millennia, been an important criterion for belonging; for boys, perhaps the most important. This alone says nothing to how good or bad it is, of course. It’s actually a pretty insane way to differentiate yourself from other groups, but I don’t think one can really expect much better from religion. The important thing is only the meaning of the practice for those affected by the ban.

No matter how you choose to judge it, it’s crucial to understand that the decision not to circumcise a newborn boy means, at the same time, to decide to remove him from the community you come from. An uncircumcised boy from a Jewish family, I think, will later not be able to marry a Jewish woman by Jewish religious law, even if he wishes to do so.8

It’s a pretty shitty situation. Those of us from a Jewish background don’t actually have the choice to let our boys decide on their own. We face the decision of either deciding that our boy can potentially be every bit as Jewish as he wants, or that he can’t.

I wish it weren’t so, but so it is. Fact is that if it were even just a little important to me to live by Jewish tradition, Germany (and Austria, and Switzerland) would no longer be places I could see myself living in. In fact, even as thoroughly secular as I am, the reanimated stench of intolerance makes me have second thoughts already. And all of this before we even touched on the history.

You see, in Judaism in particular this is a difficult, historically loaded topic. For over 2,000 years already, Jews have been confronted, again and again, with some ruler who wishes to stop their circumcisions. Because the stubborn Jews repeatedly insisted on sticking to their religion, they used to be repeatedly murdered. I don’t mean to insinuate, that Germany will return to the wholesale slaughter of Jews on this backdrop – I don’t believe that’s the case whatsoever. The point is simply that this court ruling reopens old wounds, wounds which all Jews remember well.

I also have to add that for many Jews, such attempt – attempts to get Jews to abandon their religion, and especially to get them to stop raising their children as Jews – are seen as a form of genocide. I find the comparison highly exaggerated, but I can’t change the way people feel, and I can even understand it a little; after all, this ruling is not the first time that Jews have been told they can live somewhere so long as they relinquish their religious identity.

The wish to see circumcision gone from the world, or at least one’s own land, is a fair wish to have. However, I believe this ruling will trigger one of only two reactions amongst Jews: either we’ll live somewhere else, or we’ll stay here and circumcise our sons out of spite. The Jewish culture would not have lasted this long if it did not have the reflex of seeing the survival of the culture as overriding any ruler’s decrees. I imagine that even some Jews who might previously have considered avoiding circumcision for their sons might now insist on it. If you can’t understand this, you clearly know neither Jews nor Judaism.

What you say is often something different from what it means that you said it. The ruling is correct in stating that ritual circumcision is unnecessary bodily harm. But a German court should never have said such a thing – the fact of the statement, in its context, means very simply that Jews and Muslims are no longer welcome in Germany – so long as they insist on continuing to be Jews or Muslims.

Thanks, Colin, for the suggestion that led to this post’s English title!

Comments in English and in German are most welcome, especially those disagreeing with me. However, any comment I subjectively consider racist will not be published. I ask those whose comments I do not publish to publish their comments elsewhere and email me a link.

Footnotes

  1. Man kann sich aber natürlich auch fragen, ob man also nicht auch das Rauchen in der Schwangerschaft strafbar machen will, und sogar das Essen von industriell aufgezogenem Fleisch. []
  2. Ein Beitrag auf Englisch zum Beispiel hier von Larry Derfner. []
  3. Wie es im Islam ist, kann ich nicht genau sagen – es folgt hoffentlich bald ein Beitrag von einem muslimischen Freund dazu. []
  4. Ich kenne mich mit diesen Einzelheiten nicht aus, da ich mich nie mit der Religion identifiziert habe, aber soweit ich weiß, müsste der Junge sich dann konvertieren und auch beschneiden lassen, und würde danach noch immer für viele Juden nicht als wirklich-echt-ganz-100%-jüdisch gelten. []
  5. But while we’re at it, why aren’t we banning smoking during pregnancy, or even the consumption of industrially-grown meat? []
  6. For example, see what Larry Derfner wrote. []
  7. I can’t really speak for Islam, but I will hopefully soon have the pleasure of hosting a guest post by a Muslim friend on this topic. []
  8. I should point out that I’m not very knowledgeable about the details, mainly because I’ve never identified with the religion. But if I’m not mistaken, the boy would have to go through the process of conversion, including adult circumcision, in order to marry that way – and then many Jews would still consider him not really-truly-totally-100% Jewish. []

13 thoughts on “Was der Deutsche nicht kennt / Ignorance and bris”

  1. Ein Junge aus einer jüdischen Familie, der nicht beschnitten ist, wird vermutlich nicht nach jüdischem Recht eine jüdische Frau heiraten dürfen, sollte er sich das wünschen.

    Das Urteil verbietet doch nicht Beschneidungen generell, sondern nur an Kindern. Es sind Erwachsene, die heiraten – und die können sich weiterhin auch beschneiden lassen.

    Eine Beschneidung ist tatsächlich eine ziemlich bescheuerte Art und Weise, sich von anderen Gruppen zu unterscheiden. Ich finde aber, dass man es bei Religionen wirklich nicht anders erwarten kann. Was erst einmal wichtig ist, ist die Bedeutung dieser Praxis, für die von dem Urteil betroffenen Menschen.

    Was würdest Du jemandem entgegnen, der sagt, Grundlage seiner Religion ist es, seine Töchter ganz anders zu behandeln aus seine Söhne, sie also nicht in die Schule zu schicken, ab der Pubertät ihr Gesicht zu verhüllen und jeglichen Kontakt zu fremden Jungen strengstens zu unterbinden?

    1. Das Urteil verbietet doch nicht Beschneidungen generell, sondern nur an Kindern. Es sind Erwachsene, die heiraten – und die können sich weiterhin auch beschneiden lassen.

      Das habe ich in Fussnote 4 angesprochen.

      Was würdest Du jemandem entgegnen, der sagt, Grundlage seiner Religion ist es, seine Töchter ganz anders zu behandeln aus seine Söhne, sie also nicht in die Schule zu schicken, ab der Pubertät ihr Gesicht zu verhüllen und jeglichen Kontakt zu fremden Jungen strengstens zu unterbinden?

      1. Ich fühle mich als beschnittener Mann lange nicht so benachteiligt, wie derweise unterdrückte Frauen.
      2. Ich weiß nicht, was ich dem sagen würde, ich würde aber versuchen, ihn davon abzubringen.
      3. Ich wäre trotzdem absolut dagegen, gezielt diese mit einer Religion verbundenen Praktiken anhand der Macht eines Staates zu verbieten. Gegen Teile davon allerdings würde ich einen Verbot befürworten, denn nicht alles was du da beschreibst in erster Linie Identifikationsstrategie einer äthnischen oder religiösen Gruppierung ist.
  2. Ich begrüße die Entscheidung und hoffe, es bleibt dabei. Ich finde es schade, dass Entscheidung, die das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung über das Recht auf Religionsfreiheit stellt, von einigen als ein gewissermaßen feindseliger Akt betrachtet wird. Die ganze Situation ist natürlich kompliziert und beladen ganz sicher. Ich selbst habe keinen persönlichen Einblick in das kulturelle und religiöse jüdische Leben an sich, finde aber die Einstellung “Ja, es ist schon Körperverletzung, aber es ist eben Tradition und gehört so” bizarr und nicht nachvollziehbar, besonders da es den Ausschluss aus der Gemeinschaft bedeutet, wenn diese Tradition, dieser symbolische Akt, einfach später und aus eigenem Antrieb heraus vollzogen wird. Das ist irgendwie fundamentalistisch. Das muss man sich mal vorstellen. Da führen vllt zwei Leute das gleiche Leben mit der gleichen religiösen Überzeugung und Leidenschaft und der eine wird als nicht weniger dazugehörig behandelt weil er seine Vorhaut später hat entfernen lassen. Da wünscht man sich mal mehr Toleranz innerhalb der religiösen Gemeinschaft.

    1. Ich versuche hier gar nicht das Judentum, seine Geschlossenheit, oder die Beschneidung zu verteidigen. Das ist alles schon fundamentalistisch, antipluralistisch, und insgesamt menschenverachtend.

      Aber der Punkt ist gerade – wie Natascha unten nochmal super schreibt – dass Staatsgewalt hier nicht nur eine schlechte Lösung ist, sondern gar keine. Eine anti-Lösung ist das. Ich wiederhole: auch wenn viele Aspekte des Judentums (und übrigens eben auch Katholizismus, Evangelizismus, usw. usf.) sehr problematisch, ja menschenverachtend sind, werden das weder ein Urteil noch ein Gesetz ändern. Er wird nur zu Konflikt führen zwischen deutschem Staat und Bürger jüdisches Glauben. Was passiert dann, wenn ganze Gemeinden demonstrativ oder geheimvoll widergesetzlich ihr Jungen beschneiden – wie jüdische Gemeinden mehrmals in der Geschichte in solchen Situationen gemacht haben?

      Wichtig ist letztes Ende, dass man in einer pluralistischen Gesellschaft ein bisschen darauf achten muss, wie anderen die Sachen empfinden, selbst und insbesondere da, wo man ihre Meinung gar nicht verstehen kann. Mir ist klar dass die meisten Deutschen das Judentum nicht kennen und nicht verstehen, und das ist ganz ok so, aber man sollte meiner Meinung nach nicht eine Politik unterstützen ohne zu beachten, wie sie die Menschen beeinflusst, die sie betrifft. Man muss nicht das Judentum verstehen noch cool finden um zu wissen, dass dieses Urteil bei Juden als klares “verpisst euch” ankommt. Das wollte ich mit diesem Post erklären, letztes Ende.

      1. Dass du das nicht verteidigst, wurde ja deutlich und der Kommentar war ja auch nicht auf dich persönlich bezogen :)

        Staatsgewalt kann und sollte immer dann eine Reaktion sein, wenn es um den Schutz von Menschen geht. Eine intellektuelle Debatte, die eine Lösung findet, ist immer zu bevorzugen. Wenn das aber in absehbarer Zeit nicht erreichbar ist, ist nichts tun keine Lösung. Ein Verbot ist ein deutliches Zeichen, dass man (Zitat!) “menschenverachtende” Praktiken nicht duldet und rechtlich verfolgen kann. Ein Verbot ist KEINE Lösung, aber ein sehr wichtiges Zeichen. Die Debatte kann parallel dazu und auch danach noch weitergeführt werden.
        Wenn man davon persönlich betroffen ist und das als Problem betrachtet, dann kann man sich sicher als unwillkommen vorkommen, aber wenn ich in einem Land wohne, dessen Grundgesetz gewissermaßen eine Weiterentwicklung des Aufklärungsgedanken ist, sollte ich mich darüber nicht wundern, wenn manche Praktiken mehr als nur Stirnrunzeln hervorrufen. Und wenn man nicht in der Lage ist, seine Ansichten und Traditionen im Lichte der geistigen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts zu überdenken und anzupassen, muss man sich wohl entweder geschlagen geben oder woanders hingehen. Es bleibt einem die Wahl. Es bleibt einem ein Kompromiss.

        Religionsfreiheit ist ein wichtiger Bestandteil des Grundgesetzes, aber diese Freiheit endet beim Individuum und sollte weder von Juden, noch von Christen oder igrendwelchen anderen Religionsgruppen auf ihre unmündigen Kinder übertragen werden.
        Religionsfreiheit bedeutet immer auch die Freiheit, sich gegen eine Religion entscheiden zu dürfen. Seine Alternativen zu kennen und darüber informiert zu werden. Ohne dass vorher irreversible Entscheidungen für einen getroffen wurden.
        Und da hat auch das Christentum in Deutschland noch einen ganz gewaltigen Nachholbedarf.

  3. Vielen Dank für dein Posting. Dass die körperliche Unversehrtheit von Kindern Grundprinzip sein sollte ist – denke ich – unumstritten. Genauso unbestritten ist es, dass religiöse Praktiken, die diese “beschneiden” (welch nettes Wortspiel) kritisch hinterfragt werden sollten. Dies geht aber nicht mit Verboten, sondern mit einer intellektuellen Auseinandersetzung, da es sonst zu illegalen Handlungen kommen wird, deren Folgen ich mir gar nicht ausmalen mag. Ich denke auch da sind wir uns einig.
    Was mich absolut bedenklich stimmt ist wie die Justiz eines Landes, welches Kirche und Staat offiziell trennt, in Form eines rechtlichen Kreuzzuges in das Leben und die Kultur Andersgläubiger eingreift, obwohl die freiheitlich demokratische Grundordnung es gar nicht zulässt, dass jemand an der Ausübung seiner Religion gehindert wird. Judentum, Christentum und Islam sind in der Geschichte eng miteinander verwoben und so ist es nahe liegend, dass die Praktiken ähnlich sind. Die einen rufen zum Gebet mit Glocken, die alles beschallen, die anderen rufen das Gebet vom Turm, so dass es jeder hören kann/muss. Es ist noch gar nicht lange her, dass Katholikinnen in der Öffentlichkeit ihre Haare nicht offen trugen (Zopf oder Kopftuch!). Auch gab es durchaus Zeiten, in denen auch in Deutschland männliche Kinder aus hygienischen Gründen beschnitten wurden. Es gibt hierzulande Landstriche, wo in Schulen jeder Schüler ein Abbild des gekreuzigten Jesus ansehen muss, ob er/sie will oder nicht und wo jeden Morgen dieses Abbild angebetet werden muss. Diese praktizierte Nichttrennung von Kirche und Staat sind es und die gleichzeitige Ausgrenzung andersgläubiger Riten sind es, die mich da zum Nachdenken bewegen.

  4. Circumcision is neither specific to, nor originating in, Judaism (http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_male_circumcision#Circumcision_in_the_Ancient_world). Not all Jews approve of this ritual (http://www.jewsagainstcircumcision.org/).

    I don’t care what religion someone has. If its practices are in accordance with human rights and our constitution, go ahead, go crazy. If not, well, then I indeed only welcome this religion *without* that practice, and I approve of making that a law.

    Maybe more interestingly, religions have historically been rather flexible about many of their rituals, sacred or not (thank, er, God, I guess, for a lot of those rituals).

    A (German) contribution of a Jewish doctor in a recent paper had it all right, in my opinion: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidungsdebatte-unsere-seltsame-tradition-11827726.html.

    1. The point is really that Judaism is not flexible about this particular ritual, nor will it likely be any time soon. Moreover, that it is especially inflexible in this regard when confronted with a law banning it.

      (Like I mentioned elsewhere, I haven’t the time to read the links today, but I hope I will be able to tomorrow.)

        1. Thanks, I’ll read it soon. I’m currently at the EUDEC 2012 Conference, and will probably only get back into this discussion when I’m back in Leipzig.

  5. Magnificent post, best I’ve seen on this issue. I came across your blog only recently while researching Sudbury schools, and am very pleased to have discovered it. I am not Jewish, not German, not religious at all; I’m an atheist living in a different European country. I would never in a million years circumcise a son of my own, and like you, I find circumcision disturbing and unnecessary. But I completely agree with your argument. This decision was, at best, counterproductive. Sometimes, even if we disagree with a practice on moral/logical grounds, there is no better alternative than to wait for time and education to do their slow work.